Svenja Tomczak
#Essay#Butterblume

Entfremdung der Natur – Gedanken zur Erzählung Ermordung einer Butterblume von Alfred Döblin

22. Januar 2026
Eigene Fotografie

Ruhe – nichts als Ruhe. Was so einfach klingt, ist heute eine Seltenheit. Egal, wohin man in der Stadt schaut oder hinhört, überall ist Lärm, permanent und überwältigend. Wir haben uns daran gewöhnt und kennen es kaum noch anders.

In Alfred Döblins Erzählung Ermordung einer Butterblume geht Michael Fischer wandern. Dabei bleibt sein Gehstock im Gras hängen. Als er versucht, ihn herauszuziehen, köpft er, wie er selbst sagt, eine Butterblume. Dies löst bei ihm einen Wahnzustand aus, und er leidet schließlich an einer Psychose. Michael Fischer denkt zu sich selbst: „Man wird nervös in der Stadt. Die Stadt macht mich nervös“ (S. 64).

Diese Aussage weckte in mir das Interesse, dem Thema näher nachzugehen. Sie könnte genauso gut heute gefallen sein, denn sie passt in unseren zeitlichen Kontext. So stellt sich die Frage: Warum ist Döblins Erzählung in diesem Aspekt auch heute noch so zeitgemaess?

Die Stadt hat Michael Fischer überreizt, und statt dass er in der Natur Erholung findet, projiziert er seine städtische Nervosität auf sie. Aus der Ruhe der Natur wird eine Bedrohung. Heute ist das nicht anders. Selten gehen Menschen allein wandern oder generell in die Natur, vielleicht genau aus Angst, allein zu sein. Wenn sie doch allein unterwegs sind, nehmen sie ihr Handy mit oder stecken Kopfhörer in die Ohren, um der Stille zu entkommen.

Wir sind so sehr an den Lärm der Stadt gewöhnt, dass Stille zwar entspannend wirkt, aber zugleich beängstigend sein kann. Sie zwingt uns, uns mit unseren eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Man kann auch im Lärm allein sein, doch man ist nie wirklich allein mit seinen Gedanken, weil die Ablenkungen einen ständig davon abhalten. Der Trend auf Social Media, fünf Minuten nichts zu tun und einfach in Ruhe zu sitzen, zeigt, wie schwer uns das fällt, obwohl es auf den ersten Blick einfach erscheint.

Michael Fischer versuchte ebenfalls, seinen Sorgen zu entkommen und dem Lärm zu entfliehen. Als er jedoch den richtigen Weg suchte, war es zu spät. Der Lärm holt ihn wieder ein und plötzlich ist er auch da, wo vorher keine Ablenkung war. Michael Fischer beginnt Dinge zu sehen und zu hören, die nicht existieren. Dies ist der Beginn seiner Psychose.

Seine Psychose wurde jedoch nicht allein durch den Lärm oder Stress in der Stadt ausgelöst. Vielmehr fehlte ihm die Zeit, seine Gedanken in Ruhe zu ordnen. Die Stadt und ihr Lärm wirkten als Katalysator. Auch wir entziehen uns oft der Auseinandersetzung mit uns selbst, versuchen ständig, vor unseren Gedanken zu fliehen und nehmen uns keine Zeit zur Reflexion.

Döblins Erzählung kann als Warnung verstanden werden oder besser als Anstoß, unsere Beziehung zur Natur zu überdenken und uns nicht von ihr zu entfremden. Ob wir etwas daraus lernen, hängt von uns selbst ab. Wir sollten die Erzählung ernst nehmen, ihre Konsequenzen bedenken und verhindern, dass wir uns ebenso entfremden, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie Michael Fischer.

Die Erzählung bleibt zeitgemäss, weil wir uns weiterhin von der Natur entfernen und durch den städtischen Lärm von unseren eigenen Gedanken abgelenkt werden. Sie mahnt, uns auf die Stille einzulassen, den Kontakt zur Natur zu pflegen und Raum für Reflexion zu schaffen.